Rheumatische Herzkrankheit: Früherkennung und Prävention als Schlüssel zur Krankheitskontrolle

Prof. Dr. med. Thomas Pilgrim, Stv. Chefarzt Universitätsklinik für Kardiologie

Die rheumatische Herzkrankheit ist die häufigste Herzklappenerkrankung weltweit und entsteht als Folge eines unbehandelten bakteriellen Racheninfektes im Kindesalter. Damit ist die rheumatische Herzkrankheit die einzige Herzklappenerkrankung, die mittels frühzeitiger Erkennung und rechtzeitiger Behandlung verhindert werden kann.

In einer Reihe von Studien haben wir über die letzten 15 Jahre Strategien zur frühzeitigen Erkennung und Behandlung der rheumatischen Herzkrankheit in Regionen, in denen die Erkrankung verbreitet ist, untersucht. 

In einer Studie mit mehr als 5'000 Kindern im Alter von 5 bis 15 Jahren in Nepal haben wir gezeigt, dass 1 von 100 Kindern von einer rheumatischen Herzkrankheit betroffen ist. Dabei sind Frühstadien der rheumatischen Herzkrankheit im Kindesalter in 8 von 10 Fällen klinisch stumm; das heisst, dass sich die Herzklappenveränderungen nicht klinisch bemerkbar machen, sondern nur mithilfe einer Ultraschalluntersuchung des Herzens (Echokardiographie) nachgewiesen werden können. 

Eine frühzeitige Diagnose der rheumatischen Herzkrankheit ermöglichen die Einleitung einer Therapie zu einem Zeitpunkt, an dem die Herzklappenveränderungen noch gestoppt oder sogar rückgängig gemacht werden können. In einer randomisierten Studie mit 4’000 Kindern an 35 Schulen in Nepal und einer Nachbeobachtungszeit von über vier Jahren haben wir gezeigt, dass eine rechtzeitig begonnene antibiotische Sekundärprävention das Fortschreiten der Erkrankung wirksam verhindern kann.

Aufbauend auf diesen Erkenntnissen untersuchen wir in der PREVENT Studie die Effektivität einer zusätzlichen Primärprävention für die rheumatische Herzkrankheit. Ziel ist es, bakterielle Racheninfekte bei Kindern mit einem Schnelltest frühzeitig zu erkennen und konsequent zu behandelt, bevor eine Schädigung der Herzklappen entsteht. Bisher wurden über 12’000 Kinder im Alter von 5 bis 16 Jahren an 18 Schulen in Nepal und Sambia in die Studie eingeschlossen. In einem randomisierten Studiendesign wird über einen Zeitraum von 3 Jahren stufenweise ein umfassendes Präventionsprogramm eingeführt. Zusätzlich zur klinischen Wirksamkeit erfassen wir in der PREVENT Studie weitere Dimensionen, die für die Gewährleistung der Nachhaltigkeit und die effektive Skalierung dieser Präventionsstrategie unerlässlich sind. 

Die rheumatische Herzkrankheit betrifft Frauen häufiger als Männer. Da Frühstadien im Kindes- und jungen Erwachsenenalter meist ohne Symptome verlaufen, wird die Erkrankung oft erst während einer Schwangerschaft sichtbar. Die zusätzliche hämodynamische Belastung während der Schwangerschaft und der Geburt kann bei werdenden Müttern mit einer rheumatischen Herzkrankheit zu schwerwiegenden Schwangerschaftskomplikationen führen. In einer retrospektiven Studie haben wir gezeigt, dass bei jeder fünften Schwangerschaft einer Mutter mit einer rheumatischen Herzkrankheit entweder die Mutter oder das Kind verstirbt. Eine frühzeitige Diagnose einer rheumatischen Herzkrankheit im Frühstadium der Schwangerschaft könnte demzufolge dazu beitragen, Schwangerschaftskomplikationen in Regionen, in welchen die rheumatische Herzkrankheit verbreitet ist, zu reduzieren. In der randomisierten SPARC-X Studie haben wir den Nutzen einer Ultraschalluntersuchung des Herzens als Teil der Routinevorsorge in der Schwangerschaft untersucht. Mehr als 7'700 schwangere Frauen in Nepal wurden in diese Studie eingeschlossen und nach dem Zufallsprinzip einer Schwangerschaftsvorsorge mit oder ohne zusätzliche Echokardiographie zugeführt. Die Forschungsergebnisse der Studie werden 2026 veröffentlicht. 

Wirksame Strategien zur Kontrolle der rheumatischen Herzkrankheit erfordern einen Schwerpunkt auf Prävention. Dies ist umso wichtiger in fragilen Gesundheitssystemen, die mit begrenzten Ressourcen konkurrierende Herausforderungen bewältigen müssen. Unsere Forschungsgruppe arbeitet eng mit Partnerinstitutionen in Nepal und Sambia zusammen und verfolgt zum Ziel, langfristig zur Reduktion der rheumatischen Herzkrankheit beizutragen. Im Rahmen unserer Studien wurden schon über 30'000 Kinder und junge Erwachsene auf das Vorliegen einer rheumatischen Herzkrankheit mittels Herzultraschall untersucht. Die Forschungsprojekte werden durch den Schweizerischen Nationalfonds, sowie nationale und internationale Stiftungen unterstützt. Unsere Forschungsergebnisse haben Eingang gefunden in internationale Richtlinien und wurden mit verschiedenen Preisen ausgezeichnet.